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Silke Meyer im Interview mit Ramona Müller-Linow

Interview mit Ramona Müller-Linow – Kinder aus suchtbelasteten Familien

INTERVIEW · SILKE MEYER × RAMONA MÜLLER-LINOW

Kinder aus suchtbelasteten Familien: Über frühe Verantwortung, innere Stimmen und Identität

Silke Meyer im Gespräch mit der Autorin Ramona Müller-Linow über frühe Verantwortung, innere Stimmen und die Frage, wie Menschen eine eigene Identität entwickeln können.

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Ein Kind kann sehr früh bemerken, wie die Stimmung im Raum ist. Es hört, wie eine Tür geschlossen wird, erkennt einen Blick oder spürt, dass heute vielleicht besser nichts gefragt wird. Noch bevor es Worte für Sucht, Überforderung oder Unzuverlässigkeit hat, kann es beginnen, sich an Situationen anzupassen.

Nach außen kann ein solches Kind unauffällig, vernünftig oder besonders selbstständig wirken. Was es innerlich erlebt, bleibt dabei leicht verborgen. Genau über diese Unsichtbarkeit spreche ich mit Ramona Müller-Linow, Autorin des Romans „Die Brutalität der Bedeutungslosigkeit“.

Ramona war viele Jahre in der Kinderkrankenpflege tätig und begleitet heute Familien sowie junge Menschen. Kinder aus suchtbelasteten Familien sind ihr in unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen immer wieder begegnet. Ihr Roman verbindet dieses ernste Thema mit einer literarischen Form, in der auch Humor, eine eigensinnige Katze und die Frage nach Identität Raum bekommen.

Wenn Kinder früh Verantwortung übernehmen

Kinder können sehr aufmerksam werden, wenn das Verhalten eines Elternteils schwer vorhersehbar ist. Manche beobachten viel, versuchen Konflikte zu vermeiden oder richten ihre Aufmerksamkeit stark auf die Stimmung der Erwachsenen. Andere werden früh selbstständig, ziehen sich zurück oder versuchen, möglichst wenig aufzufallen.

Das sind keine festen Rollen und keine Reaktionen, die für jedes Kind gleichermaßen gelten. Menschen erleben und verarbeiten Situationen unterschiedlich, und vieles lässt sich von außen nicht erkennen. In manchen Familien beschäftigt sich ein Kind jedoch mit Dingen, für die eigentlich Erwachsene Verantwortung tragen müssten.

Bestimmte Verhaltensweisen können auch später noch vertraut erscheinen: etwa eine starke Aufmerksamkeit für Stimmungsveränderungen, die Sorge, etwas falsch gemacht zu haben, viel Verantwortung zu übernehmen oder sich erst dann entspannen zu können, wenn im Umfeld alles ruhig wirkt. Solche Beobachtungen erlauben jedoch keine Aussage darüber, wodurch ein Verhalten bei einem einzelnen Menschen entstanden ist.

Unsichtbar sein heißt nicht, nichts zu erleben

Ein Kind muss nicht laut zeigen, dass eine Situation schwierig ist. Gerade Menschen, die nach außen gut funktionieren, können leicht übersehen werden. Sie erledigen Aufgaben, fallen vielleicht wenig auf und wirken gefasst. Von außen lässt sich deshalb nicht zuverlässig beurteilen, wie eine Situation innerlich erlebt wird.

Im Gespräch geht es deshalb nicht nur um sichtbare Krisen. Wir sprechen auch über Fragen, die Menschen aus unterschiedlichen Gründen beschäftigen können: Bin ich wichtig? Darf ich Bedürfnisse haben? Muss ich erst die Lage im Raum prüfen, bevor ich merke, was ich selbst möchte?

Diese Fragen berühren auch meine Arbeit rund um Selbstwahrnehmung und innere Führung. Es wäre zu einfach, heutige Unsicherheit oder bestimmte Verhaltensweisen auf eine einzelne Kindheitserfahrung zurückzuführen. Manchmal kann das Betrachten der eigenen Geschichte jedoch helfen, vertraute Muster und die eigene Art der Orientierung bewusster wahrzunehmen.

Die Katze als innere Stimme

In Ramonas Roman wird Mara von einer Katze begleitet. Sie ist nicht nur eine Figur, sondern macht auch eine innere Stimme sichtbar, die klein hält, spöttisch kommentiert und scheinbar schon weiß, warum etwas nicht gelingen kann.

Viele Menschen kennen kritische oder vorsichtige innere Sätze, auch wenn sie keine Katze vor Augen haben. Vielleicht klingt es wie: Stell dich nicht so an. Sei lieber vorsichtig. Mach niemandem Schwierigkeiten. Du weißt doch, wie das endet.

Innere Führung bedeutet für mich nicht, solche Gedanken gewaltsam zum Schweigen zu bringen. Ein erster Schritt kann sein, sie wahrzunehmen und zu prüfen: Ist das gerade eine Beobachtung – oder eine vertraute Schlussfolgerung?

Humor nimmt dem Erlebten nicht seine Bedeutung

Schwere Themen müssen nicht ausschließlich in schwerer Sprache erzählt werden. Humor kann eine andere Perspektive eröffnen und Widersprüche sichtbar machen.

Das bedeutet nicht, Erfahrungen kleinzureden oder über Betroffene zu lachen. In Ramonas Erzählweise steht Humor neben ernsten Momenten. Beides darf nebeneinander existieren: Eine Erfahrung kann schwer gewesen sein – und ein Mensch bleibt trotzdem mehr als das, was er erlebt hat.

Identität ist mehr als eine vertraute Rolle

Wer lange stark auf andere ausgerichtet war, kann sehr gut wahrnehmen, was andere brauchen – und zugleich unsicher darin werden, was für ihn selbst stimmig ist. Die Frage „Wer bin ich?“ lässt sich dann nicht immer mit einer schnellen Liste von Eigenschaften beantworten.

Vielleicht beginnt etwas Neues dort, wo ein Mensch vertraute Rollen bemerkt und prüfen kann: Brauche ich das heute noch? Entspricht das mir? Oder reagiere ich gerade auf eine alte Erwartung?

Das ist kein geradliniger Prozess und keine Aufforderung, eine perfekte neue Version von sich zu erschaffen. Es geht vielmehr darum, der eigenen Wahrnehmung wieder einen Platz zu geben.

Welche Unterstützung sinnvoll sein kann

Es gibt keine einzige richtige Reaktion und keinen Schritt, der für alle Menschen passt. Je nach persönlicher Situation kann es hilfreich sein, die eigene Geschichte in einem passenden professionellen Rahmen einzuordnen, Unterstützung anzunehmen und Verantwortung wieder dort zu verorten, wo sie tatsächlich hingehört.

Wichtiger Hinweis: Wenn familiäre Suchtbelastung, traumatische Erfahrungen oder psychische Beschwerden heute stark in dein Leben hineinwirken, sind qualifizierte psychotherapeutische, ärztliche oder suchtbezogene Beratungsangebote geeignete Anlaufstellen. Coaching ersetzt weder Diagnostik noch medizinische oder psychotherapeutische Behandlung.

Wenn du dich im Alltag vor allem in Gedankenschleifen, Selbstzweifeln oder ständiger innerer Prüfung wiederfindest, kann eine einfache Unterscheidung interessant sein: Was beobachte ich gerade tatsächlich – und welche Bedeutung fügt mein Kopf hinzu?

Weiterlesen: Grübeln stoppen – warum dein Kopf nicht aufhört

Das Buch zum Gespräch

Die Brutalität der Bedeutungslosigkeit
Roman von Ramona Müller-Linow
ISBN: 978-3-96407-622-9
Preis: 13,95 €

Mehr über Ramona und ihr Buch

Über Ramona Müller-Linow

Ramona Müller-Linow ist Autorin, Pädagogin, Familienbegleiterin und erfahrene Kinderkrankenschwester. Sie war viele Jahre in der Kinderkrankenpflege tätig und begleitet heute Familien sowie junge Menschen. In ihrem Roman „Die Brutalität der Bedeutungslosigkeit“ verbindet sie familiäre Suchtbelastung, Identität, Humor und die Frage, was Menschen durch schwierige Lebensphasen tragen kann.

Zur Website von Ramona Müller-Linow

Über Silke Meyer

Silke Meyer ist Mentorin und Coach für Grübeln, Selbstwahrnehmung und innere Führung. Sie begleitet Menschen dabei, ihre eigene Wahrnehmung wieder ernster zu nehmen und vertraute Denk- und Anpassungsmuster bewusster zu erkennen. In ihren Gesprächen und Inhalten verbindet sie genaue Alltagsbeobachtung mit einer zentralen Frage: Was ist tatsächlich da – bevor vertraute Geschichten und Schlussfolgerungen die Antwort übernehmen?

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